Ein Blick in die Lüchower Geschichte
Die Entwicklung der Jeetzelniederung im Süden Lüchows von 1699 bis heute

Der Stadtplan von Lüchow aus dem Jahr 1856 über dem Plan von 1980. Quelle: Stadtarchiv Lüchow
Die Marsch im Lüchower Süden wurde nie bebaut!
Sämtliche erhaltenen Karten Lüchows von 1699 bis 1980 zeigen, dass der Bereich des Jeetzelarms im Süden Lüchows als Überschwemmungsgebiet bewußt von einer Bebauung ausgenommen war und bis heute ist, auch wenn die Jeetzelkanalisierung dazu geführt hat, dass es nicht mehr als Überschwemmungsgebiet bezeichnet wird. Die Stadt hat sich weitestgehend nach Norden, Westen und Osten vergrößert. Selbst der massive Ausbau Lüchows nach dem Ende des 2. Weltkriegs mit einer annähernden Verdopplung der Einwohnerzahl und zunächst großer Wohnungsnot hat den unmittelbaren Bereich um die Jeetzel im Süden nicht betroffen und die Karte von 1980, nach dem Umbau der Jeetzel zum Kanal und der Eindeichung, zeigt, dass lediglich der Schulbezirk und das Altenheim, und dieses mit besonderen Maßnahmen gegen zu erwartende Hochwasserereignisse, gebaut wurden und keine wie auch immer gearteten Wohnhäuser. Das Ausklammern der Bebaung im südlichen Jeetzeltal in den durch die Stadtpläne dokumentierten vergangenen 325 Jahren hat immer einen Grund gehabt.

Der Stadtplan von 1954 (rot) über dem Plan von 1980. Quellen: Chronik der Stadt Lüchow, 1949, und Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 4.12.1954.

Die Verkoppelungskarte für den Rezeß* von 1852 zeigt die damaligen 87 Kabelgärten und Wiesenstücke mit den Namen der Eigentümer. (* siehe Wikipedia)
Der Rezess von 1852 belegt die Kabelgärten und die nördlich anschließenden Wiesen als Bestandteil des Lüchower Ackerbürgertums. Die freiflächenlosen Grundstücke der Lüchower Innenstadt wurden durch Nutzflächen im stadtnahen Bereich ergänzt. Fast jedes Bürgerwesen hatte mindestens einen Kabelgarten, eine Wiese in der Plater Marsch und einen Acker im Bereich Dickstätte. Über 60% der damaligen Kabelgärten sind heute noch zusammenhängend in Originalgröße vorhanden und als kulturhistorischer Beleg der Stadtgeschichte Lüchows zu bewerten und in Gänze zu erhalten. Das Flurstück 101 war 1852 die sogenannte „Bullwiese“ und lag zwischen dem Wilseitzgraben (heute Kabelgraben genannt) und dem Wilseitzweg, der noch heute in die Kabelgärten hinein führt.
Wilseitz ist ein slawischer Begriff und heißt übersetzt „feuchte Stelle“. Hier gilt: Nomen est omen. (Quelle: Paul Kühnel, Die Slawischen Orts- und Flurnamen im Lüneburgischen, 1902)
Im Zuge des Programms zur „Resilienten Innenstadt“ setzt sich die Stadt Lüchow aktuell mit dem alten St. Annenfriedhof an der Salzwedeler Straße auseinander. Auch der geschichtliche Aspekt der Grabstätten der dort bestatteten Lüchower Bürger wird betrachtet. Wenn man die Liste der Eigentümer der Kabelgärten und der Bürgerhäuser gegen die Liste der ehemaligen Grabstätten stellt, ergibt sich eine große Überschneidung und damit die Option historische Bezüge zwischen den Gebäuden in der Innenstadt, den Kabelgärten und dem Friedhof herzustellen. Die Auseinandersetzung mit der hier belegten Historie wird helfen, die soziale Identität der heutigen Bewohner mit ihrer Stadt herzustellen.
Fazit: Die Lüchower Stadtgrenze im Süden mit dem seit Jahrhunderten weitgehend unveränderten Panorama (siehe Merian-Stich von 1654) muss, auch im Sinne aller bisherigen Stadtratsmitglieder und Stadtplaner, im jetzigen Zustand erhalten werden. Ich empfehle den gesamten Bereich, so wie mit dem Schützenpark geschehen, unter Denkmalschutz zu stellen.